Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz: Betriebliches Gesundheitsmanagement als zentraler Bestandteil des Gothaer Demografiemanagements

Hintergrund für die Einführung der Maßnahme

Im Kontext des demografischen Wandels und der Erhöhung des Renteneintrittsalters gewinnt betriebliche Gesundheitsförderung besondere Bedeutung: Sie liefert wertvolle Beiträge zum Erhalt von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der steigenden Anzahl älterer Mitarbeiter wie auch zur Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen für den zunehmend knappen Nachwuchs. Im Gothaer Konzern hat Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) eine lange Tradition und gilt als wichtiges Element einer zeitgemäßen und zukunftsgerichteten Personalarbeit.

Den Impuls für den Einstieg ins BGM lieferte die Mitarbeiterbefragung 2002: Hier äußerten die Mitarbeiter den Wunsch nach Angeboten zur Prävention von Rückenbeschwerden – einem klassischen Problem bei überwiegend sitzender Tätigkeit. Erste Erfahrungen wurden in einem Pilotprojekt innerhalb der Gothaer Krankenversicherung gesammelt. Projektziele waren die Verbesserung von Rückengesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter sowie die Senkung von Fehlzeiten.

Datum der Umsetzung/Dauer

Das Pilotprojekt wurde 2003 vorbereitet und 2004 umgesetzt. Die Laufzeit betrug 12 Monate. Von Anfang an wurde hierbei großer Wert auf ein systematisches Vorgehen und eine stringente Projektevaluation gelegt. In der Eingangsanalyse in Form von Rückenscreenings mit integrierter Teilnehmerbefragung wurden Personen mit Rückenschmerzen und Defiziten im Bereich der Rumpfmuskulatur identifiziert. Diesen wurde anschließend ein Angebot in Form von Bewegungs- und Entspannungskursen sowie Coachings unterbreitet. Den Projektabschluss bildete ein Re-Check mit abschließender Auswertung der Projektdaten. Die Resonanz war überaus positiv: Neben dem großen Zuspruch der Mitarbeiter kam es im Projektverlauf in der Trainingsgruppe zu einer signifikanten Verbesserung der physikalischen Fitness der Rumpfmuskulatur, verbunden mit einer deutlichen Abnahme von Stress-Symptomen und dem Rückgang von Rückenbeschwerden. Dies spiegelte sich im Rückgang der Fehlzeiten um 22% wieder. Angesichts dieser erfreulichen Entwicklung entschied der Vorstand, das Präventionsprogramm fortzusetzen und auf andere Unternehmensbereiche auszuweiten.

Die nächsten Schritte auf dem Weg zu einem integrierten und nachhaltigen BGM wurden mit der Ausweitung des Angebotsspektrums im Konzern, der strategischen Verankerung des Themas sowie dem Aufbau geeigneter Strukturen vollzogen und mit der Unterzeichnung der Luxemburger Deklaration zur betrieblichen Gesundheitsförderung in der Europäischen Union öffentlich bekundet.

Beteiligte Partner

Am Gothaer BGM sind der Arbeitgeber und von diesem beauftragte Dienstleister beteiligt. Zudem ist der Betriebsrat eingebunden. Mit der Konzerntochter „MediExpert Gesellschaft für betriebliches Gesundheitsmanagement mbH“ verfügt die Gothaer über ein eigenes Kompetenzzentrum für betriebliche Gesundheitsförderung, das auch extern den Gothaer Firmenkunden ein breites Spektrum an Gesundheitsdienstleistungen anbietet (www.gesunde-firma.de).

Gegenstand der Maßnahme

Integriertes Betriebliches Gesundheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist im Gothaer Konzern kulturell, strategisch und strukturell umfassend verankert. So ist das Ziel „Mitarbeitergesundheit“ bereits seit Jahren in Konzernleitbild, Unternehmensphilosophie und Personalstrategie fixiert. Weiterhin ist das BGM fester Bestandteil des Gothaer Demografiemanagements, das 2010 im Rahmen des Corporate Health Awards mit dem Sonderpreis „Demografie“ ausgezeichnet wurde.

Ein Steuerungskreis mit Vertretern aller Anbieter betrieblicher Gesundheitsdienstleistungen im Konzern arbeitet unter der Leitung des Personalchefs kontinuierlich an der Pflege und Weiterentwicklung des BGM.

Zielsetzungen

Übergeordnetes Ziel des Gothaer Gesundheitsmanagements ist Wertschöpfung durch Erhalt von Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter über das gesamte Berufsleben. Langfristig steht daher primär die positive Beeinflussung gesundheitlicher Spätindikatoren im Mittelpunkt, wie Fehlzeiten, Fluktuation oder Arbeitsqualität, durch Schutz vor Krankheit und Förderung von Gesundheit. Daraus abgeleitete Sekundärziele sind die frühzeitige Erkennung und Vorbeugung von Krankheitsrisiken sowie die Stärkung gesundheitlicher Potenziale und Ressourcen in Selbstverantwortung (Empowerment der Mitarbeiter).

Diese Zielsetzungen sind grundsätzlich altersübergreifend. Da sich aber bestimmte Krankheitsbilder (z.B. Muskel-Skelett-Erkrankungen) – wie auch altersspezifische Gesundheitsanalysen in der Gothaer Belegschaft zeigen – mit zunehmendem Alter statistisch häufen, gewinnen sie für die wachsende Zahl älterer Mitarbeiter besondere Bedeutung.

Zentrale Handlungsfelder

Die Aktionsschwerpunkte des Gothaer BGM decken die Themenfelder „Betriebliches Eingliederungsmanagement“, „Ergonomie am Arbeitsplatz“, „Ernährung“, „Führung“, „Gesundheitsschutz & Sicherheit“, „Medizinische Angebote“, „Sport & Bewegung“, „Stress“ und „Sucht“ ab. Hierzu zählen beispielsweise ein standardisiertes Verfahren zur Wiedereingliederung Langzeiterkrankter, Gesundheitsscreenings, ein Kursangebot mit den Schwerpunkten „Rückentraining“, „Entspannung“ und „Cardiotraining“, ErgoCoaching, ein breitgefächertes Sportangebot, diverse Beratungsleistungen, Führungskräftetrainings, Kantinenaktionen zur gesunden Ernährung, aktive Bewegungspausen sowie vielfältige Angebote zur Stressprävention und -bewältigung.

Flächendeckendes BGF-Angebot vor Ort bis hin zu den kleinsten dezentralen Standorten

Um auch Mitarbeitern an dezentralen Standorten Angebote zur Gesundheitsförderung zugänglich zu machen, hat die Gothaer eigene Präventionsmodule für Klein- und Kleinststandorte entwickelt. So werden seit 2012 neben den fünf großen 25 weitere kleine Einheiten mit drei bis 40 Mitarbeitern betreut. Der inhaltliche Schwerpunkt wird jedes Jahr am aktuellen Bedarf ausgerichtet.

Innovative Konzepte zur Direktansprache der Mitarbeiter

Zu den zentralen Erfolgsfaktoren des Gothaer Gesundheitsmanagements zählen die von „MediExpert“ entwickelten und umgesetzten Konzepte der Direktansprache der Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Dabei gehen Fachkräfte im Rahmen von Aktionen durch die Büros und bieten Mitarbeitern Coachings von etwa 15 Minuten an – beispielsweise ein ErgoCoaching zur gesundheitsgerechten Einstellung des Arbeitsbereichs, eine angeleitete Aktivpause zur Lockerung verspannter Muskeln, eine kurze Entspannungsübung zur besseren Bewältigung akuter Stresssituationen oder ein sogenanntes BioFeedback, bei dem muskuläre Spannungszustände im Schulter-Nacken-Bereich erhoben und Verbesserungspotenziale aufgezeigt werden. 2015/2016 ist erstmals das Thema „Gesunde Ernährung“ Gegenstand der Direktansprache am Arbeitsplatz.

Handouts, die zusätzliche Ausbildung von Multiplikatoren sowie bedarfsgerechte Verweise auf weiterführende Angebote unterstützen die Nachhaltigkeit.

Evaluation: Monitoring und Qualitätskontrolle mit Hilfe des Gothaer Gesundheitsindex

Im eigens entwickelten Evaluations- und Steuerungsinstrument „Gothaer Gesundheits-Index“ fließen die gesundheitsrelevanten Kennzahlen zusammen und werden den Evaluationsergebnissen des BGM gegenübergestellt. Durch den Abgleich von Soll- und Ist-Werten wird im jährlichen Turnus der Zielerreichungsgrad ermittelt. So werden Zusammenhänge deutlich sowie eine kontinuierliche Qualitäts- und Erfolgskontrolle möglich. Der Index spiegelt zudem den aktuellen Handlungsbedarf wider und ermöglicht einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Sicherung der Nachhaltigkeit

2013 erfolgte die Implementierung verschiedener Interventionsangebote in die Standardprozesse des Konzerns. Hierzu zählt zum einen das Nachhaltigkeitskonzept „Ergo“, das ein ergonomisches Coaching zur gesundheitsgerechten Einstellung des Arbeitsbereichs beinhaltet und bei Neueinstellungen, Umzügen, Rückkehr aus Elternzeit oder Langzeiterkrankung zum Einsatz kommt. Zum zweiten ist das Nachhaltigkeitskonzept „Stressmanagement“ zu nennen, das Mitarbeitern mit erhöhter Stressbelastung innerhalb von sieben Werktagen ein Einzelcoaching vermittelt. Damit wird bei akutem Bedarf schnelle Hilfe möglich.

Auswirkungen und erzielter Nutzen

Alle Gesundheitsdienstleistungen werden regelmäßig evaluiert – mit durchwegs positiven Ergebnissen. So bewegt sich die Anzahl der Teilnehmer an den Präventionskursen seit Jahren auf hohem Niveau. Die Teilnehmerbefragung 2015 zeigte gewohnt positive Befunde:

  • 100% bewerten die Kursqualität und die Kompetenz der Trainer mit „sehr gut“
    oder „gut“,
  • 91% erleben eine bessere Bewältigung ihres Berufsalltags,
  • 77% spüren eine Verbesserung ihrer Rückenbeschwerden,
  • 76% erfahren eine Verbesserung ihres Entspannungszustandes und
  • 75% stellen eine Verbesserung ihrer Fitness fest.

 

In zwei wissenschaftlich begleiteten und in der medizinischen Fachpresse publizierten Pilotstudien konnte neben einer Verbesserung des gesundheitlichen Befindens eine signifikante Senkung der Krankheitsstände bei den Teilnehmern – bis zu 31% – nachgewiesen werden*.

Ein sehr positives Resultat erbrachte zudem eine altersgruppenspezifische Analyse der Beteiligung an Rückenkursen und der damit verbundenen Effekte. Sie zeigte:

  • Ältere Mitarbeiter beteiligen sich stärker an Kursen zur Erhaltung und Verbesserung der Rückengesundheit als jüngere.
  • Im Rahmen von Rückenscreenings wies die Altersgruppe der über 50-Jährigen im Verlauf die stärksten positiven Verbesserungen bei der Rumpfmuskulatur auf.

 

Das ausgereifte BGM der Gothaer wurde mehrfach ausgezeichnet – u.a. mit dem „Deutschen Unternehmenspreis Gesundheit“ in den Jahren 2008 und 2011 sowie dem Corporate Health Award 2011, 2013 und 2015.

Einer Medienresonanzanalyse zufolge erzielte die Berichterstattung über das Gothaer BGM in Print- und Onlinemedien allein in den Jahren 2011 bis 2013 einen Werbeäquivalenzwert von 350.000 Euro.

*Benner, V., Burnus, M., Ochs, S. (2007): Ergebnisse eines Interventionsprogramms zur betrieblichen Gesundheitsfürsorge: Signifikante Reduktion von Rückenbeschwerden, subjektive Abnahme von Stress-Symptomen und Reduzierung von Fehlzeiten, in: Ergo-Med. 31, Heft 6, S. 162-167. Burnus, M., Benner, V., Gutmann, B., Steinke, U. (2008): Ergebnisse eines Modellprojekts zur Prävention branchenspezifischer Erkrankungen in einem Kunden-Service-Center. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 43, Heft 8, S. 386-393.

Wichtigste Erfolgsfaktoren/Hindernisse

Die professionellsten Angebote zur Gesundheitsförderung können ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn sie die Mitarbeiter mit Bedarf auch erreichen. Dies ist jedoch in Unternehmen häufig nicht der Fall. Es gibt vielfältige Hemmschwellen, die Mitarbeiter von der Teilnahme an BGM-Maßnahmen abhalten – angefangen von Zeitmangel bis hin zur Angst vor Stigmatisierung, gerade wenn es um sensible Themen, wie beispielsweise Stressbewältigung, geht. In diesem Kontext haben sich die bereits erwähnten, hausintern entwickelten Konzepte zur „Direktansprache am Arbeitsplatz“ hervorragend bewährt. Pro Aktion können damit zwischen 60 und 80% der Mitarbeiter erreicht werden.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis liegt in der umfassenden kulturellen, strategischen und strukturellen Verankerung des Themas BGM im Unternehmen sowie in der systematischen Verzahnung der Elemente „Bedarfsanalyse“, „Maßnahmengestaltung und -umsetzung“ und „Evaluation“ im Rahmen eines iterativen, kontinuierlich fortlaufenden Prozesses.

Gewisse Grenzen sind dem Gothaer BGM durch die Faktoren „Geld“ und „Zeit“ gesetzt. Angesichts des in der Branche allgegenwärtigen Kostendrucks sowie einer großen Themen- und Projektvielfalt im Konzern müssen auch im BGM Prioritäten gebildet und Schwerpunkte gesetzt werden.